Was ist der Bivalenzpunkt?
Wenn eine Wärmepumpe zusammen mit einem zweiten Wärmeerzeuger arbeitet, taucht ein Begriff immer wieder auf: Bivalenzpunkt.
Kurz in Alltagssprache:
Der Bivalenzpunkt ist die Außentemperatur, bei der Ihre Wärmepumpe allein gerade noch genug Leistung bringt, um das Haus warm zu halten. Wird es kälter, braucht sie Unterstützung vom zweiten Wärmeerzeuger.
Oberhalb des Bivalenzpunktes arbeitet die Wärmepumpe also allein. Unterhalb dieses Punktes hilft entweder ein elektrischer Heizstab oder eine andere Heizung, zum Beispiel eine bestehende Gasheizung.
Damit ist der Bivalenzpunkt eine Art Weiche im System. Er entscheidet, wer wann wie viel Arbeit übernimmt. Und damit bestimmt er ganz wesentlich, wie hoch Ihre jährlichen Heizkosten ausfallen.
Bivalenzpunkt in einfachen Worten
Stellen Sie sich vor, Sie zeichnen zwei Kurven:
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die Heizlast Ihres Hauses
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die Heizleistung Ihrer Wärmepumpe
Mit sinkender Außentemperatur steigt die Heizlast. Es wird draußen kälter, das Gebäude verliert mehr Wärme, die Heizung muss mehr leisten.
Gleichzeitig sinkt bei einer Luft Wasser Wärmepumpe mit tieferen Außentemperaturen die mögliche Heizleistung. Das Gerät muss aus immer kälterer Außenluft noch Wärme herausholen, das wird anstrengender.
Der Bivalenzpunkt ist der Schnittpunkt dieser beiden Kurven:
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Oberhalb: Die Wärmepumpe schafft es allein.
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Unterhalb: Es reicht nicht mehr, der zweite Wärmeerzeuger muss einspringen.
In vielen Praxisfällen liegt dieser Punkt irgendwo im leichten Minusbereich. Der genaue Wert hängt von Ihrem Haus, der Auslegung der Wärmepumpe und der Zusatzheizung ab.
Wann spielt der Bivalenzpunkt überhaupt eine Rolle?
Der Bivalenzpunkt ist nur dann relevant, wenn Ihre Wärmepumpe nicht alleine arbeitet.
Monovalente Wärmepumpe
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Die Wärmepumpe ist der einzige Wärmeerzeuger.
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Es gibt keine zweite Heizung im Hintergrund.
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In sehr gut gedämmten Häusern ist das heute Standard.
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Hier spricht man eher von Auslegungspunkt und Heizlast, der Bivalenzpunkt spielt praktisch keine Rolle.
Monoenergetischer Betrieb
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Die Wärmepumpe wird von einem elektrischen Heizstab unterstützt.
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Oberhalb des Bivalenzpunktes arbeitet die Wärmepumpe allein.
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Unterhalb des Bivalenzpunktes unterstützt der Heizstab.
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Energiequelle ist nur Strom, es gibt aber zwei Geräte im System.
Bivalenter Betrieb
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Die Wärmepumpe arbeitet zusammen mit einer zweiten Heizung, oft Gas oder Öl.
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Oberhalb des Bivalenzpunktes heizt die Wärmepumpe allein.
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In einem bestimmten Temperaturbereich arbeiten beide zusammen.
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Bei sehr tiefen Temperaturen kann die zweite Heizung zeitweise allein übernehmen.
Gerade im Bestand ist diese bivalente Wärmepumpe sehr verbreitet. Hier macht der Bivalenzpunkt den Unterschied zwischen einer sparsamen, sauberen Lösung und einem System, das unnötig viel Gas oder Heizstabstrom verbraucht.
Varianten bivalenter Systeme und ihr Bivalenzpunkt
In der Fachsprache hat sich eine Einteilung durchgesetzt, die sich auch im Praxisalltag gut verwenden lässt.
Bivalent alternativ
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Oberhalb des Bivalenzpunktes arbeitet die Wärmepumpe allein.
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Unterhalb des Bivalenzpunktes wird komplett auf die zweite Heizung umgeschaltet.
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Es heizt immer nur ein System gleichzeitig.
Das ist einfach und robust, verschenkt aber oft Effizienzpotenzial, weil die Wärmepumpe an manchen kalten Tagen noch etwas beitragen könnte.
Bivalent parallel
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Oberhalb des Bivalenzpunktes heizt die Wärmepumpe allein.
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Zwischen Bivalenzpunkt und einem weiteren Abschaltpunkt arbeiten beide gemeinsam.
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Unterhalb des Abschaltpunktes übernimmt die Zusatzheizung vollständig.
So lässt sich der Anteil der Wärmepumpe an der Jahresheizarbeit erhöhen, ohne auf die Sicherheit der zweiten Heizung zu verzichten.
Bivalent teilparallel
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Mischform aus beiden Konzepten.
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Das Zusammenspiel wird feiner abgestuft, damit die Wärmepumpe möglichst viel übernimmt und die Zusatzheizung trotzdem als Reserve erhalten bleibt.
Welche Variante bei Ihnen sinnvoll ist, hängt von Ihrem Gebäude, Ihrem Heizsystem und Ihren Prioritäten ab.
Warum der Bivalenzpunkt Ihre Heizkosten massiv beeinflusst
Der Bivalenzpunkt regelt, wann die zweite Heizung ins Spiel kommt. Und genau das wirkt direkt auf:
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Anteil der Wärmepumpe an der Jahresheizarbeit
Je niedriger der Bivalenzpunkt liegt, desto mehr Heizenergie im Jahr liefert die Wärmepumpe und desto kleiner ist der Anteil von Gas, Öl oder Heizstab. -
Einsatzzeiten der Zusatzheizung
Ein höherer Bivalenzpunkt bedeutet: Die Zusatzheizung springt früher an und läuft häufiger. Das kann sinnvoll sein, wenn das Haus energetisch schwach ist oder die Wärmepumpe bewusst kleiner ausgelegt wurde. In vielen Fällen läuft die Zusatzheizung aber schlicht zu oft. -
Heizkosten und Klimabilanz
Strom aus einer effizienten Luft Wasser Wärmepumpe ist meist günstiger und klimafreundlicher als reine Gas oder Ölwärme oder Direktstrom aus dem Heizstab.
Ein klug gewählter Bivalenzpunkt sorgt dafür, dass die Wärmepumpe den größten Teil der Arbeit übernimmt, ohne das System zu überfordern.
Wenn Sie so wollen, ist der Bivalenzpunkt der Regler für die Arbeitsteilung zwischen Wärmepumpe und zweiter Heizung. Eine zu hohe Einstellung ist wie ein Kollege, der viel zu früh Hilfe ruft, obwohl er es noch selbst geschafft hätte.
Typische Bivalenzpunkte in der Praxis
In der Planung wird der Bivalenzpunkt nicht einfach geraten, sondern bewusst festgelegt. Am Ende muss er aber natürlich zu Ihrem Haus und Ihrem Klima passen.
Grob lässt sich Folgendes sagen:
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In gut gedämmten Einfamilienhäusern mit leistungsstarker Luft Wasser Wärmepumpe liegt die Bivalenztemperatur oft im Bereich von minus zwei bis minus acht Grad.
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In Altbauten mit hoher Heizlast und eher kleiner Wärmepumpe wird der Bivalenzpunkt meist höher angesetzt.
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Je besser die Gebäudehülle und je größer der Wärmepumpenanteil, desto weiter kann man den Bivalenzpunkt nach unten schieben.
Ein zu hoher Bivalenzpunkt bedeutet: Die Zusatzheizung läuft viele Wintertage mit, obwohl die Wärmepumpe es allein geschafft hätte. Ein zu niedriger Bivalenzpunkt kann dagegen dazu führen, dass die Wärmepumpe an extrem kalten Tagen an der Grenze arbeitet.
Wichtig ist also der Ausgleich: So tief wie sinnvoll, so hoch wie nötig.
Wie wird der Bivalenzpunkt festgelegt?
Für die Festlegung des Bivalenzpunktes schauen Fachleute auf drei Dinge, die zusammengehören.
Erstens: Heizlast Ihres Hauses
Die Grundlage ist immer die Heizlastberechnung. Sie beantwortet die Frage:
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Wie viel Heizleistung braucht das Gebäude am kältesten, normgerechten Wintertag, damit es im Inneren warm bleibt?
Diese Berechnung berücksichtigt Dämmstandard, Fenster, Größe, Raumhöhen und den Standort. Ohne diese Zahl ist eine saubere Festlegung des Bivalenzpunktes schwierig.
Zweitens: Leistungsdaten der Wärmepumpe
Hersteller geben an, wie viel Leistung die Wärmepumpe bei verschiedenen Außentemperaturen liefern kann. Das hängt unter anderem ab von:
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Außentemperatur
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Vorlauftemperatur des Heizsystems
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Betriebsweise der Wärmepumpe
Die Heizleistung sinkt bei Luft Wasser Systemen mit sinkender Außentemperatur. Diesen Verlauf trägt der Planer in die Betrachtung ein.
Drittens: Zweiter Wärmeerzeuger und Kosten
Der zweite Wärmeerzeuger, also Gasheizung, Ölheizung oder Heizstab, hat eigene Leistungsdaten und Kosten je Kilowattstunde Wärme.
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Gas oder Öl sind bei moderaten Temperaturen oft zunächst günstig, verlieren aber im Vergleich zur Wärmepumpe, wenn diese gute Jahresarbeitszahlen erreicht.
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Ein Heizstab ist technisch unkompliziert, verwandelt Strom aber direkt in Wärme und ist deshalb im Vergleich zur Wärmepumpe deutlich teurer im Betrieb.
Der Bivalenzpunkt liegt dort, wo die Wärmepumpe die Heizlast gerade noch alleine deckt. Unterhalb dieses Punktes wäre es wirtschaftlich oder technisch nicht mehr sinnvoll, sie allein arbeiten zu lassen.
Wie stellt man den Bivalenzpunkt an der Wärmepumpe ein?
Bei vielen Regelungen lässt sich der Bivalenzpunkt als Temperatur direkt in der Steuerung hinterlegen. Oft gibt es zwei relevante Einstellungen:
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eine Temperatur, ab der die Zusatzheizung zugeschaltet werden darf
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eine Temperatur, ab der die Wärmepumpe gegebenenfalls ganz abgeschaltet wird und die zweite Heizung allein übernimmt
Wie sollten Sie damit umgehen?
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Ausgangswert übernehmen
Starten Sie mit der Einstellung, die der Fachbetrieb bei Inbetriebnahme festgelegt hat. Idealerweise basiert dieser Wert auf einer Heizlastberechnung. -
Anlage im Winter beobachten
Achten Sie besonders an sehr kalten Tagen auf Raumtemperatur, Laufzeiten und Komfort. -
In kleinen Schritten optimieren
Wenn die Wärmepumpe stabil läuft und die Räume warm bleiben, kann der Bivalenzpunkt behutsam etwas nach unten korrigiert werden, damit die Wärmepumpe mehr Arbeit übernimmt. -
Stromverbrauch vergleichen
Notieren Sie sich, wie häufig die Zusatzheizung aktiv ist und wie sich der Stromverbrauch entwickelt.
Wichtig: Veränderungen an der Regelung sollten Sie immer mit dem Fachbetrieb abstimmen, vor allem wenn die Anlage noch in der Gewährleistung ist oder wenn Sie sich unsicher fühlen. Ziel ist es, die Wärmepumpe etwas mehr arbeiten zu lassen, ohne Komfort oder Betriebssicherheit zu gefährden.
Häufige Fehler beim Bivalenzpunkt
Es gibt einige typische Stolperfallen, die leider in der Praxis sehr häufig sind.
Bivalenzpunkt viel zu hoch
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Die Zusatzheizung springt schon an, wenn draußen nur leicht frostige Temperaturen herrschen.
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Die Wärmepumpe übernimmt nur einen kleinen Teil der Jahresheizarbeit.
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Sie zahlen mehr für Gas, Öl oder Heizstabstrom, als eigentlich nötig wäre.
Bivalenzpunkt ohne Grundlage festgelegt
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Der Wert wird geschätzt, ohne Heizlastberechnung oder Blick auf die Leistungsdaten der Wärmepumpe.
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Das Verhältnis zwischen Wärmepumpe und Zusatzheizung passt dann meist nicht zum Haus.
Keine Anpassung nach Sanierung
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Wird später die Fassade gedämmt oder neue Fenster eingebaut, sinkt die Heizlast.
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Der Bivalenzpunkt könnte dann meist tiefer gelegt werden.
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Passiert das nicht, arbeitet die zweite Heizung weiterhin zu häufig.
Heizstab als bequeme Dauerlösung
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In manchen Anlagen ist der Heizstab sehr komfortorientiert eingestellt und springt schnell an.
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Das sorgt zwar für Sicherheit, frisst aber im Hintergrund viel Strom und Geld.
Bivalenzpunkt im Neubau und im Altbau
Neubau
Im Neubau ist die Situation vergleichsweise entspannt:
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Sehr guter Dämmstandard
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meist Fußbodenheizung mit niedriger Vorlauftemperatur
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monovalente Wärmepumpe als Standardlösung
Hier kann man den Bivalenzpunkt, falls überhaupt relevant, sehr tief ansetzen oder die Wärmepumpe gleich so planen, dass sie das Haus alleine versorgt.
Altbau und Bestand
Im Bestand und gerade im Altbau sieht es anders aus:
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höhere Heizlast
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oft bestehende Heizkörper
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teilweise noch keine komplette Sanierung
Hier sind bivalente Systeme aus Wärmepumpe und bestehender Heizung eine sinnvolle Übergangslösung. Der Bivalenzpunkt entscheidet dabei, wie viel tatsächlich über die Wärmepumpe läuft und wie viel weiter über Gas oder Öl.
Mit jeder energetischen Verbesserung am Haus und mit jeder Optimierung am Heizsystem entsteht Spielraum, den Bivalenzpunkt später weiter nach unten zu schieben.
Fazit: Der Bivalenzpunkt ist der Schalter zwischen günstig und teuer
Der Bivalenzpunkt klingt zunächst nach einem komplizierten Fachwort. In Wahrheit beschreibt er etwas sehr Konkretes:
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die Temperatur, ab der Ihre Wärmepumpe Unterstützung braucht
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die Grenze zwischen Alleinbetrieb und Unterstützung durch Heizstab oder Gasheizung
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die Aufteilung der Arbeit zwischen effizienter Wärmepumpe und meist teurerer Zusatzheizung
Richtig festgelegt sorgt der Bivalenzpunkt dafür, dass:
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die Wärmepumpe einen großen Teil der Jahresheizarbeit übernimmt
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die Zusatzheizung nur dann einspringt, wenn es wirklich nötig ist
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Kosten, Komfort und Effizienz im Gleichgewicht bleiben
Wer den Bivalenzpunkt verstanden hat, kann Angebote besser vergleichen, kritische Fragen stellen und gemeinsam mit dem Fachbetrieb Einstellungen treffen, die zum Haus und zum eigenen Budget passen.
Nächster Schritt: Förderung prüfen und Bivalenzpunkt von Anfang an mitdenken
Wenn Sie eine Wärmepumpe planen oder ein bestehendes bivalentes System besser nutzen möchten, lohnt sich ein strukturierter Einstieg:
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Förderung und Kosten klären
Wie hoch kann Ihre Förderquote ausfallen und welche Wärmepumpen Lösung passt in Ihr Budget, wenn Förderung und Betriebskosten zusammen betrachtet werden -
Systemkonzept und Bivalenzpunkt definieren
Soll die Wärmepumpe monovalent arbeiten oder zusammen mit einer bestehenden Heizung
Welche Heizlast hat Ihr Haus
Wo liegt ein sinnvoller Bivalenzpunkt, damit die Wärmepumpe den Großteil der Arbeit übernimmt
Nutzen Sie dafür als Grundlage den Förderrechner und verschaffen Sie sich einen klaren Überblick über Ihre individuelle Förderlage. Mit diesen Zahlen in der Hand können Sie gemeinsam mit Ihrem Fachbetrieb eine Wärmepumpen Lösung planen, bei der der Bivalenzpunkt nicht einfach irgendein Wert in der Regelung ist, sondern bewusst eingestellt und ein echter Hebel für Effizienz und Kostensicherheit.




